|
Am Freitagabend hatte ich die Wahl zwischen Leguan und Chamäleon: Elton
John zum ersten Mal live in concert erleben oder Zöllner zum x-ten Mal.
Pummelig und Weltklasse oder schlank und Berlin, Sir oder Derwisch,
Fremdes oder Eigengewächs? Das Chamäleon des Ostens hat gewonnen,
Deutschland gegen England. We are the champions!
Die Freilichtbühne Weißensee ist eine ideale Feierstätte. Fast alle waren
auf der Bühne, mit denen er in den letzten 20 Jahren Musik gemacht hat.
Musik, die mal wieder hören ließ, dass es da hinter Puhdys Karat City noch
weit mehr gab im Rockentwicklungsland DDR. Musikfest als Geschichtsstunde,
zumal der eigenen.
»Immer einer öffnet das Fenster und der andere fängt an zu frier ‘n« sang
er mit seinem »Idol«, der »Mutter des DDR-Punk« Katrin Lindner.
»Nie mehr zurück in Kälte und Verlogenheit«, mit »Wind trägt alle Worte
fort« holte er die Musik von Franz Bartsch auf die Geburtstagsbühne, und
Lifts »Nach Süden«, die inoffizielle Hymne des Ostens. Nicht einfach nur
nachgesungen, sondern »verzöllnert«, zum federn und schwingen gebracht,
zerstört und rekonstruiert.
Erstaunlich, wie viele Musikprojekte »Scholle« Dirk Zöllner schon zusammen
und auch wieder auseinander gebracht hat. Vor exakt 15 Jahren hat ihn »Chicorèe«
genau auf dieser Weißenseer Bühne gefeuert. Am Freitag war das (fast)
vergessen. »’N Käfer auf’m Blatt, was ist das schon. Das Blatt haut man
ab, den Käfer latscht man platt«. Auf »Chicorèe« folgten »Die Zöllner«,
mal nur mit André Gensicke an den Tasten, mal als Big Band.
Mit dem »Trio Bravo« kam der eigentliche Osten in Dirks Musik, und mit
»Zöllner Classics« ein neues weites Feld. Gleich nach dem 40. Jubiläum
sang Er am Wochenende in Halle beim Händelfest.
Projekte, Projekte. Jenes mit IC Falkenberg hieß (heißt es noch?) Osten.de.
Mit Dirk Michaelis (Mein sanfter Freund) und Andrè Herzberg (mein wilder
Freund) tourte Dirk Zöllner als »Die drei Highligen«. Und auch »Zonaluna«,
erst 1999 gegründet, ist schon wieder Geschichte. Längst hat er eine neue
Band. Eine eigene Plattenfirma und ein eigener Verlag sollen es möglichst
auch noch sein. Dabei hat die Plattenfirma BMG auf ihrem Amiga-Label doch
gerade eben die CD »Auf der Reise – Best of Zöllner« herausgebracht. Fünf
neue Titel, bisher unveröffentlichte Alternativtracks und ein Videoclip.
Nur von seinen ersten Kapellen aus der Lehrlings- und NVA-Zeit,
»Hochdruck« und »Saumäßig«, gibt es leider keine Musik mehr.
Auf der Homepage
www.40jahredirk.de tummeln sich ausgemachte Fans, oft Prominente.
Gregor Gysi gar schickte einen Video-Gruß: »Im Kern will ich einfach, dass
du so bleibst, wie du bist, d.h. gut singst, gute Texte machst, den Inhalt
nicht vergisst und gegen den Strom schwimmst. Und dabei einigermaßen noch
privat glücklich wirst.« Marian von »Alphaville« sieht in den Zöllnern
einen »Meilenstein deutscher Rockgeschichte«. Wie wahr, hätte doch dieser
Dirk Zöllner neben »Rammstein« und Nina Hagen wirklich die Stimme und das
Talent für eine internationale Karriere.
Wie singt er doch so schön mit Herzberg und Michaelis: »Wir sind alle
Verkäufer. Und Verkaufen, das ist der Sinn. Aber wenn du nichts zu
verkaufen hast, haut dein Leben nicht hin.«
|