Zöllner Presse 2002

Neues Deutschland 17.06.2002

   

Käfer auf’m Blatt im Café Größenwahn

Hanno Harnisch

 

»Wenn du nichts zu verkaufen hast, haut dein Leben nicht hin«: Dirk Zöllner wurde 40 


Am Freitagabend hatte ich die Wahl zwischen Leguan und Chamäleon: Elton John zum ersten Mal live in concert erleben oder Zöllner zum x-ten Mal. Pummelig und Weltklasse oder schlank und Berlin, Sir oder Derwisch, Fremdes oder Eigengewächs? Das Chamäleon des Ostens hat gewonnen, Deutschland gegen England. We are the champions!
Die Freilichtbühne Weißensee ist eine ideale Feierstätte. Fast alle waren auf der Bühne, mit denen er in den letzten 20 Jahren Musik gemacht hat. Musik, die mal wieder hören ließ, dass es da hinter Puhdys Karat City noch weit mehr gab im Rockentwicklungsland DDR. Musikfest als Geschichtsstunde, zumal der eigenen.
»Immer einer öffnet das Fenster und der andere fängt an zu frier ‘n« sang er mit seinem »Idol«, der »Mutter des DDR-Punk« Katrin Lindner.
»Nie mehr zurück in Kälte und Verlogenheit«, mit »Wind trägt alle Worte fort« holte er die Musik von Franz Bartsch auf die Geburtstagsbühne, und Lifts »Nach Süden«, die inoffizielle Hymne des Ostens. Nicht einfach nur nachgesungen, sondern »verzöllnert«, zum federn und schwingen gebracht, zerstört und rekonstruiert.


Erstaunlich, wie viele Musikprojekte »Scholle« Dirk Zöllner schon zusammen und auch wieder auseinander gebracht hat. Vor exakt 15 Jahren hat ihn »Chicorèe« genau auf dieser Weißenseer Bühne gefeuert. Am Freitag war das (fast) vergessen. »’N Käfer auf’m Blatt, was ist das schon. Das Blatt haut man ab, den Käfer latscht man platt«. Auf »Chicorèe« folgten »Die Zöllner«, mal nur mit André Gensicke an den Tasten, mal als Big Band.
Mit dem »Trio Bravo« kam der eigentliche Osten in Dirks Musik, und mit »Zöllner Classics« ein neues weites Feld. Gleich nach dem 40. Jubiläum sang Er am Wochenende in Halle beim Händelfest.


Projekte, Projekte. Jenes mit IC Falkenberg hieß (heißt es noch?) Osten.de. Mit Dirk Michaelis (Mein sanfter Freund) und Andrè Herzberg (mein wilder Freund) tourte Dirk Zöllner als »Die drei Highligen«. Und auch »Zonaluna«, erst 1999 gegründet, ist schon wieder Geschichte. Längst hat er eine neue Band. Eine eigene Plattenfirma und ein eigener Verlag sollen es möglichst auch noch sein. Dabei hat die Plattenfirma BMG auf ihrem Amiga-Label doch gerade eben die CD »Auf der Reise – Best of Zöllner« herausgebracht. Fünf neue Titel, bisher unveröffentlichte Alternativtracks und ein Videoclip. Nur von seinen ersten Kapellen aus der Lehrlings- und NVA-Zeit, »Hochdruck« und »Saumäßig«, gibt es leider keine Musik mehr.
Auf der Homepage www.40jahredirk.de tummeln sich ausgemachte Fans, oft Prominente. Gregor Gysi gar schickte einen Video-Gruß: »Im Kern will ich einfach, dass du so bleibst, wie du bist, d.h. gut singst, gute Texte machst, den Inhalt nicht vergisst und gegen den Strom schwimmst. Und dabei einigermaßen noch privat glücklich wirst.« Marian von »Alphaville« sieht in den Zöllnern einen »Meilenstein deutscher Rockgeschichte«. Wie wahr, hätte doch dieser Dirk Zöllner neben »Rammstein« und Nina Hagen wirklich die Stimme und das Talent für eine internationale Karriere.


Wie singt er doch so schön mit Herzberg und Michaelis: »Wir sind alle Verkäufer. Und Verkaufen, das ist der Sinn. Aber wenn du nichts zu verkaufen hast, haut dein Leben nicht hin.«