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Berliner Zeitung 05.12.2003 |
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Unterwegs |
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Birgit Walter |
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Sie fanden, das klingt gut |
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Herr Zöllner, Herr Fissler, Sie sind mit einer Band von acht deutschen Musikern und zehn unerschrockenen Fans auf eine Konzertreise nach Israel aufgebrochen. Gehen Ihnen zu Hause die Abenteuer aus? Oder haben Sie eine Mission?
DIRK ZÖLLNER: Wie klingt denn das - eine Mission. Wir hatten eine Einladung, richtig offiziell aus der israelischen Botschaft. Und ich kann berichten: wir waren die erste Band, die im heiligen Land Rockmusik auf Deutsch gemacht hat. Zuerst war von Solidaritätskonzerten die Rede, aber da fragten wir uns gleich - Solidarität mit wem? Wir dachten uns, nennen wir es lieber Friedenskonzerte, das kann ja nicht falsch sein in dieser Gegend. Dann waren wir doch überrascht, mit welcher extremen Sehnsucht nach Frieden wir konfrontiert wurden. Überall siehst du Uniformierte mit Kalaschnikows und Metalldetektoren, immerhin sind 250 000 Menschen ständig unter Waffen, und das bei sechs Millionen Einwohnern. Aber die Soldaten sind freundlich, tolerant, die Leute öffnen ohne Aufforderung ihre Taschen, wenn sie in einem Café kontrolliert werden. Mit wem auch immer wir sprachen, es hieß: wenn nur endlich Ruhe wäre.
Da war kein Hass, wie man das so denkt, als Ahnungsloser, höchstens Ohnmacht und Hilflosigkeit, wir erlebten eine ganz erstaunliche Normalität. Tel Aviv hat ein Nachtleben, gegen das Berlin blass aussieht. Die Israelis verkriechen sich nicht, sie tanzen zur Not mit ihren MGs auf dem Rücken. Auf der anderen Seite nimmt man natürlich auch die Bedrohung wahr - Israel ist ja gelegen wie ein großer Kessel, von den Rändern her gut einsehbar.
Hatte keiner Angst vor dieser Reise?
DIRK ZÖLLNER: Doch jeder. Zuerst sollte meine Band mitfahren, aber einer nach dem anderen hat abgesagt, alle haben Familie. Reinhard Fissler und ich haben uns eine neue Band zusammengestellt. Und es behauptet ja auch keiner, so eine Reise sei ungefährlich. Man konnte es gleich beim Start in Berlin bemerken, wir wurden zunächst von einem Panzer auf der Rollbahn und dann von Hubschraubern eskortiert. Das vermittelt immerhin einen Eindruck, wie sich Israelis fühlen müssen, über Jahre und Jahrzehnte bedroht und isoliert. Sie haben Angst um ihre Kinder, die zur Armee müssen.
Fissler: Einmal wohnten wir in einem Hotel mit 50 schwer bewaffneten Soldaten. Oh, dachten wir, dieses Hotel könnte auch eben ein militärisches Ziel sein.
Herr Fissler, Sie haben Multiple Sklerose, sitzen im Rollstuhl. Warum diese Reise?
Fissler: Als sie geplant wurde, brauchte ich noch keinen Rollstuhl. Aber ich wollte sie unbedingt. Manche Dinge bekommen eine andere Bedeutung, wenn man nicht mehr richtig aktionsfähig ist. Und singen kann ich noch wie früher bei Stern Combo Meißen. Wir fühlten uns ja sehr willkommen in diesem Land, es gab ausdrücklichen Dank, dass wir dorthin gefahren sind. Wir wurden mit großer Wärme empfangen.
Mochten die Zuschauer denn ihre Musik, ihre deutsche Musik?
DIRK ZÖLLNER: Am Anfang war ich selbst vollkommen gehemmt. Unseren ersten Auftritt hatten wir in einem Club der Stadt Kirjat Schmona. Es ist schon ein extrem seltsames Gefühl, in Israel auf einer Bühne zu stehen und ein deutsches Lied zu singen. Ich merkte, wie ich in meinem Song "Alles oder nichts" den Sound dieser harten Sprache völlig verwischte, als könne man sie den Israelis nicht zumuten. Aber sie fanden, das klingt gut. Überhaupt wurden wir geradezu euphorisch aufgenommen, es gab ein gewaltiges Interesse an unserer Musik. Am ersten Abend waren zufällig 30 Leute in dem Club, zwei Tage später waren zehn Mal so viele Leute da, sie standen wie die Heringe. Es war wohl keine Profi-Band erwartet worden. Als wir später nach Tel Aviv kamen, hatten sich unsere Auftritte schon herumgesprochen, die Zeitungen berichteten, es ist eben ein kleines Land. Es war gut, dass wir da waren.
Also doch eine Mission.
DIRK ZÖLLNER: Es wurde ganz deutlich, dass wir eine gemeinsame kulturelle Vergangenheit haben, die nach dem Krieg verschämt gekappt wurde. Aber wir haben Freundschaft gesucht und gefunden.